Der Marienberg nördlich der Altstadt ist mit rund 69 m Höhe die markanteste Erhebung im weiten Umkreis. Hier stand in spätslawischer Zeit das Heiligtum des dreiköpfigen Gottes Triglaw, das bereits 1166 einer Marienkirche gewichen war. Diese wurde vom christlichen Slawenfürsten Pribislaw - Heinrich gestiftet. Die Wallfahrt zu einem wundertätigen Marienbild war offenbar so erfolgreich, dass man etwa 1220-1240 einen monumentalen Neubau auf der Kuppe des Berges setzte, der ohne Parallele ist und zu den bedeutendsten Bauten der norddeutschen Frühgotik zählen muss. Der Grundriss des viertürmigen Zentralbaues bildete ein griechisches Kreuz, dessen Arme halbrunde Abschlüsse hatten. In den einspringenden Ecken des Kreuzes standen vier Türme. Die Kirche war in ganz Deutschland als Wahlfahrtskirche berühmt.
Gottesdienste hielten neben den Dominikanern und Prämonstratenser auch die Brandenburger Franziskaner in der Kirche auf dem Harlungerberg. Die Franziskaner predigten zu Mariä Verkündung (25.März), am Ostermontag, der als Tag der Weihe der Marienkapelle auf dem Harlungerberg (nach Geburt Mariä, 8. September, an den Tagen der heiligen Elisabeth und des hl. Jodokus, am zweiten Freitag im Advent und in den Fasten sowie die gesamte Fastenzeit hindurch.
Allerdings gingen bereits im 14. Jahrhundert deutlich weniger Pilger auf die Wallfahrt anach Brandenburg, so dass die Kirche allmählich an Bedeutung verlor.
1435 richtete der Brandenburgische Kurfürsten Friedrich I. an der Marienkirche ein zunächst vom Domkapitel abhängiges Prämonstratenserstift ein, mit dem 1440 der von Kurfürst Friedrich II. gestiftete „Schwanenorden“ verbunden wurde. Nur Ritter von hohem Adel konnten Mitglieder werden. So sollte der Ort wieder bedeutend werden, denn die Hohenzollern wählten die Marienkirche als zentralen Versammlungsort. Westlich an die frühgotische Kirche wurde die hl. Leonhardt Kapelle angebaut. Ihr Zentralbau nahm bewusst altertümlichen Formen auf und war in zwei Geschosse geteilt. Das untere, die Unterkirche diente als Grablege verstorbener Stiftsmitglieder.
Abbildungen und das Modell der Marienkirche aus der Sammlung des Stadtmuseums Brandenburg an der Havel
Als eine Art Stadtkrone überragte dieses Hauptwerk spätromanischer Architektur in der Mark die zu Füßen des Berges entstehenden Siedlungen im Mittelalter. Mit der 1443 fertiggestellten Leonhardkapelle mit glasierten Ziegeln und umfangreichem Bauschmuck erhielt die Kirche einen Anbau von hoher Qualität.
So bekam der 1440 gestiftete Schwanenorden und damit der märkische Adel einen prestigeträchtigen, dennoch geistlichen Versammlungsort. Damit war der landesweite Rang der Marienkirche wiederhergestellt.
Anlässlich der Weihe des Kreuzgangs 1440 durch Bischof Stephan Bodeker von Brandenburg wurde dem Konvent ein 40tägiger Ablass gewährt.
Dom, Grabmal Bischof Stephan Bodekers (gest. 1459)Auf lange Sicht konnte sich der Schwanenorden nicht halten: Die Brüderschaft wurde allerdings 1554 wieder aufgelöst. Grund hierfür war u.a. die Einführung der Reformation. Das Stift wurde aufgelöst, Wallfahrten fanden gar nicht mehr statt und auch der Schwanenorden verlor an Bedeutung. Stift und Kirche verfielen, die Ausstattung wurde entnommen oder gestohlen. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts fiel ein Teil des Kirchendaches ein.
Am Marienstift auf dem Berge durften seit 1539 keine neuen Chorherren mehr aufgenommen werden. Einige sollen nach Italien ausgewandert sein. Schließlich blieb nur noch der Propst mit dem verödeten Kloster zurück. Er verließ es dann auch und starb 1557 im Franziskanerkloster (mit Johanniskirche) in der Altstadt Brandenburg. Im Jahre 1552 erhielt das Brandenburger Domkapitel die verlassene Kirche, und 1557 wurden die baufälligen Klostergebäude abgetragen.

Das Ende der Mariekirche - Der Abbruch
Die baufällige Kirche stand bis 1722: Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. ließ die Kirche gegen den Widerstand der Brandenburg Bevölkerung abbrechen, um Steine für den Bau des Potsdamer Waisenhauses zu gewinnen. Ein Teil der Backsteine scheint auch im Massowschen Palais, dem heutigen Sitz des Stadtmuseums verbaut zu sein, welches 1722/1723 als Dienstsitz des kommandieren Offiziers der "Langen Kerls" entstand.
Vor dem Abbruch verfertigte der Mathematiker Antoine de Vignolles eine zeichnerische Aufnahme, bei der es sich um eine bemerkenswert frühe denkmalpflegerisch motivierte Verlustdokumentation handelt. Leider sind diese Zeichnungen nur in jüngeren Kopien erhalten.
Einige Spolien, die sich in der Sammlung des Stadtmuseums Brandenburg an der Havel befinden, stammen aus dem Abbruchschutt der Marienkirche. Sie wurden bei Ausgrabungen 1960 geborgen. Hierbei handelt es sich um unglasierte Backsteine der Kirche und glasierte Formsteine.
STADTBAUKUNST - Brandenburg an der Havel
Der barocke Erneuerungsprozess ist- wie Gottschlings Ausführungen zeigen- zugleich ein partieller Zerstörungsprozess mittelalterlicher Bausubstanz, Malerei und Gebäudeausstattung. Das nicht mehr geschätzte Alte muss dem angeblich besseren Neuen weichen. Dieses Motto trifft für einen Vorgang nicht zu, welcher der Stadt Brandenburg einen unermesslichen Schaden zugefügt hat: der Abriss der schon reichlich verfallenen Marienkirche auf dem Marienberg. Gottschlings vermerkt dazu nur, dass mit dem Abbruch der alten Wallfahrtskirche am 20. April 1722 >> auf hohen Befehl<< begonnen worden ist (S.167). Der Befehl kam, wie jener zur Zwangsvereinigung, von Friedrich Wilhelm I. Wie kein anderes Ereignis verdeutlicht dieses >> Zerstörungswerk << (Tschirch 1928 II, S. 113) die neuen Abhängigkeitsverhältnisse der vereinigten Stadt Brandenburg. Trotz heftiger Proteste des Domkapitels und des Brandenburger Magistrats wird der Abbruch vollzogen, ein Abbruch, dessen banales Motiv vor allem der Bedarf an Baumaterial ist, an Baumaterial für die neue Residenzstadt Potsdam, für Militäreinrichtungen, konkret: für das Potsdamer Militärwaisenhaus.
Die Veranlassung zu der >> Verwüstung <<gibt, so="" die="" darstellung="" von="" anton="" friedrich="" büsching="" 1780,="">> ein gewisser Obrist <<, welcher große Schätze in den Mauern und in dem Grunde der Kirche zu finden hoffte, und weil damals zu Potsdam stark gebauert wurde, den König Friedrich Wilhelm überredete, die Kirche abbrechen zu lassen, und sich der Steine derselben zu dem Bau in Potsdam zu bedienen. Der Magistrat zu Brandenburg suchte die Abbrechung durch die nachdrücklichsten Vorstellungen zu verhindern, ja, er erbot sich endlich, daß er zu dem Potsdamschen Bau aus seinen Ziegelbrennereyen für 400 Thaler Steine liefern und schenken wolle. Es war aber nicht nur diese Vorstellung und Anerbietung, sondern auch die Abbrechung der Kirche vergeblich, denn die Steine mußten wegen der Festigkeit größentheils zerschlagen werden, so daß die brauchbaren, welche übrig blieben, nicht funfzig Thaler werth waren, und man fand nichts. Zwar entdeckte man einen unterirdischen Gang, aber keinen Schatz in demselben. << (S.305f.)
Die brauchbaren Steine der alten Kirche werden über die Havel nach Potsdam gebracht. Die schlechten, zerstückelten Steine bleiben zurück. >> Vornehme und geringe Leute brachten sie fort und verbrauchten sie: insbesondere aber durfte der die hiesige Garnison damals commandirende Oberst von Massow, welcher beim Könige sehr angesehen sehr angesehen war, einen großen theil jener Baumaterialien benutzen, theils um das Freihaus in der Ritterstraße, theils um das Vorwerk vor der Altstadt, das noch jetzt seinen Namen trägt und mancherlei Freiheiten genießt, anzulegen. << Heffter betont den finanziellen Misserfolg des ganzen Unternehmens: >> Die Kosten des Niederreißens beliefen sich weit höher als die wenigen brauchbaren Steine werth waren.<<
Mit der Zerstörung eines der stadtidentitätsbildenden Großbauten des Mittelalters wird eine barbarische Tradition fortgeführt: die Anmaßung von Herrschern, überkommenes Kulturgut für eigene Zwecke plündern zu dürfen.
Literatur:
Harald Bodenschatz/Carsten Seifert, STADTBAUKUNST – BRANDENBURG AN DER HAVEL – VOM MITTELALTER BIS ZUR GEGENWART, Transit, Berlin 1992
Anton Friedrich Büsching, Beschreibung einer Reise von Berlin über Potsdam nach Rekahn unweit Brandenburg, welche er vom dritten bis achten Junius 1775 gethan hat. Frankfurt, Leipzig 1775, 1780 (2. Auflage)
Friedrich Grasow, Brandenburg die tausendjährige Stadt. Ein Gang durch Kultur und Baukunst vergangener Jahrhunderte. Im Auftrag des Magistrats Brandenburg 1927
M. W. Heffter, Geschichte der Kur- und Hauptstadt Brandenburg, 1840
Gerda Arndt, Die Geschichte des Schwanenritterordens zu Brandenburg-Ansbach, in: 5. – 6. Jahresbericht 1995 – 1997




